Mehr als nur ein unregelmäßiger Zyklus: Gynäkologin Prof. Dr. Mandy Mangler über PCOS bzw. PMOS
Das polyzystische Ovarialsyndrom gilt als eine der häufigsten hormonellen Störungen bei Frauen im gebärfähigen Alter. Schätzungsweise ist etwa jede zehnte betroffen, viele bleiben ohne Diagnose (Teede et al., 2023). Charakteristisch für die Erkrankung sind unter anderem ein erhöhter Androgenspiegel (z.B. Testosteron), unregelmäßige Zyklen und häufig auch eine Insulinresistenz (AWMF, 2025).
Prof. Dr. Mandy Mangler ist Chefärztin für Gynäkologie und Geburtsmedizin an zwei Berliner Vivantes Kliniken und gilt als eine der renommiertesten Frauenärztinnen in Deutschland. Mit ihrem Podcast „Gyncast“ und in ihren Büchern klärt sie über eine große Bandbreite gynäkologischer Themen auf. Im Interview mit TUM4Health erzählt sie, was die Diagnose PCOS bedeutet und wie junge Frauen damit umgehen können.
Was sagt die aktuelle Evidenz über die Entstehung von PCOS? Gibt es möglicherweise eine genetische Komponente?
Prof. Dr. Mandy Mangler: Man nennt es neuerdings nicht mehr PCOS, sondern PMOS, also Polyendokrines Metabolisches Ovarialsyndrom. Dieser Begriff bildet die metabolische Grunderkrankung besser ab. Genetisch bedingt ist es auf jeden Fall. Aus evolutionärer Sicht war diese Veranlagung vermutlich ein Vorteil, da betroffene Frauen Nahrung sehr effizient verwerten konnten. Heute spiegelt sich das in einer Neigung zu Übergewicht wider. Umweltfaktoren sind bislang nicht eindeutig belegt. Sicher ist aber, dass ein hohes Körpergewicht die Wahrscheinlichkeit für PMOS erhöht, und umgekehrt. Es entsteht also eine Abwärtsspirale.
Gibt es eine Korrelation zwischen der Einnahme hormoneller Kontrazeptiva und der Entstehung von PMOS?
Mangler: Nein, es ist nicht belegt, dass hormonelle Kontrazeptiva wie die Pille PMOS auslösen können.
Viele Studentinnen haben unregelmäßige Zyklen durch Stress in Prüfungsphasen und wenig Schlaf. Wann ist Unregelmäßigkeit harmlos und wann sollte man sie abklären lassen?
Mangler: Wenn der Zyklus länger als drei Monate ausbleibt, ist es sinnvoll, mit der Gynäkologin zu sprechen, was mögliche Ursachen sein könnten. Oft steckt etwas Harmloses dahinter, aber man sollte eben nichts übersehen.
Welche frühen Anzeichen des PMOS werden oft als „normal“ abgetan?
Mangler: Aufmerksam werden sollte man immer dann, wenn Symptome die Lebensqualität oder die Gesundheit beeinträchtigen. Bei PMOS sind das zum Beispiel eine Zunahme des Körpergewichts, Akne oder eine verstärkte Behaarung, der sogenannte „Hirsutismus“. Hinzu kommt oft eine Insulinresistenz, denn PMOS ist ja im Kern eine Stoffwechselerkrankung, bei der der Insulinstoffwechsel gestört ist.
Zur Verbesserung der Insulinempfindlichkeit werden Menschen mit Typ-2-Diabetes häufig Biguanide wie Metformin oder GLP-1-Rezeptoragonisten wie Ozempic verschrieben. Alternativ zur Pille werden sie zunehmend auch „Off-Label“, also außerhalb der Zulassung, bei PMOS eingesetzt. Wie stehen Sie dazu?
Mangler: Metformin kann helfen, den gestörten Stoffwechsel wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Dabei ist es sinnvoll, ihn nicht nur mit medikamentös zu regulieren, sondern parallel auch Gewicht zu reduzieren, wofür inzwischen GLP-1-Rezeptoragonisten wie Ozempic eingesetzt werden. Denn für viele Frauen ist genau das Gewicht die zentrale Belastung. Wenn jedoch der Versuch, allein über den Lebensstil abzunehmen, nicht gelingt, ist der medikamentöse Weg durchaus geboten.
Was würden Sie jungen Frauen mitgeben, die gerade die Diagnose bekommen haben und sich überfordert fühlen?
„(PMOS) ist ein Auftrag.
Und dieser Auftrag heißt: gesunder Lebensstil und sich mit dem eigenen Körper und dem Zyklus auseinandersetzen […].“
Mangler: Auf keinen Fall verzweifeln. PMOS ist einerseits eine Diagnose und andererseits in den Genen verankert. Man sollte einige Dinge darüber wissen, aber nicht den Mut verlieren, denn PMOS kann auch wieder besser werden und bedeutet nicht zwangsläufig eine lebenslange chronische Erkrankung. Aber es ist ein Auftrag. Und dieser Auftrag heißt: gesunder Lebensstil, sich mit dem eigenen Körper und dem eigenen Zyklus auseinandersetzen und nicht zuletzt eine gute Begleitung durch eine Gynäkologin suchen. Denn in den jeweiligen Lebensabschnitten sind unterschiedliche Dinge relevant, wenn man PMOS hat: etwa Kinderwunsch, der Zyklus, die Körpergesundheit, das Gewicht oder die Behaarung. Dennoch ist es eine Erkrankung, die sich heute sehr gut behandeln und durch alle Phasen des Lebens hinweg begleiten lässt.
Literatur:
AWMF. (2025). S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie des polyzystischen Ovarsyndroms (PCOS). https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/089-004
Teede, H. J., Tay, C. T., Laven, J. J. E., Dokras, A., Moran, L. J., Piltonen, T. T., Costello, M. F., Boivin, J., Redman, L. M., Boyle, J. A., Norman, R. J., Mousa, A., & Joham, A. E. (2023). Recommendations From the 2023 International Evidence-based Guideline for the Assessment and Management of Polycystic Ovary Syndrome. J Clin Endocrinol Metab, 108(10), 2447–2469. https://doi.org/10.1210/clinem/dgad463
Insta-post Nachhaltigkeitszahlen:
Cabrera, A., & Garcia, R. (2019). The environmental & economic costs of single-use menstrual products, baby nappies & wet wipes. Zero Waste Europe; Rezero – Fundació per a la Prevenció de Residus i el Consum Responsable. https://zerowasteeurope.eu

