Dieser Mythos ist falsch!
Eine vor Kurzem publizierte dermatologische Befragung bestätigt, dass Gesundheitsfehlinformationen wie diese in der Gesellschaft fest verankert und allgegenwärtig sind [1]. Doch hinter der vermeintlichen Weisheit steckt bei genauerem Hinsehen überraschend wenig Wahrheit. Tatsächlich widerspricht die wissenschaftliche Evidenz dieser Annahme bereits seit Langem: So wurde im Rahmen von Rasurstudien, darunter erstmals im Jahr 1928 in einer klinischen Studie, nachgewiesen, dass die Rasur keinen Einfluss auf das Haarwachstum hat [2]. Auch spätere Untersuchungen bestätigten diese Befunde und stellten fest, dass Rasieren weder die Wachstumsrate noch die Haarstruktur beeinflusst [3].
Ein kurzer Blick hinter die Physiologie unserer Haare verrät, warum diese Studien zu diesem Ergebnis kamen. Die Haarfollikel, die in der Kopfhaut verankert sind, fungieren als „Haarfabrik“ und enthalten Matrixkeratinozyten – das sind hochaktive Zellen, die das Wachstum neuer Haare ermöglichen. Der sichtbare Haarschaft hingegen besteht aus vollständig verhornten, toten Zellen. Das bedeutet: Die Haarspitzen sind biologisch inaktiv und können auf Schneiden nicht reagieren [4]. Noch deutlicher wird dies, wenn du dir den Lebenszyklus deiner Haare anschaust. Er umfasst drei Phasen: die Anagenphase (Wachstum), Katagenphase (Regression) und die Telogenphase (Ruhe) [5]. Wusstest du, dass sich genau jetzt rund 80 bis 90 % deiner Kopfhaare in dieser "Ruhe"-Phase befinden? [4,5] Die Dauer der Anagenphase bestimmt maßgeblich, wie lang das Haar eines Menschen werden kann – sie variiert individuell und wird durch biologische Faktoren geregelt (und ganz bestimmt nicht durch Schneiden, auch wenn wir es uns manchmal wünschen würden ;)) [4]. Auf den Haarzyklus wirken außerdem verschiedene Faktoren wie Hormone, Stress oder bestimmte Medikamente ein [5].
Letztlich führt Spliss (also das Aufspalten der Haarspitzen) dazu, dass Haare leichter brechen. Und genau hier entsteht der praktische Nutzen des regelmäßigen Schneidens: Ein Haarschnitt ist die einzige wirksame Methode, um Spliss zu entfernen und weiteren Schaden zu verhindern. Weniger Spliss bedeutet weniger Haarbruch. Dadurch wirken Haare länger, dichter und gesünder – was den Eindruck erweckt, sie würden schneller wachsen. Daher solltest du darauf achten, deine Spitzen regelmäßig zu schneiden, um die Haarqualität langfristig zu erhalten und Längenverlust durch Abbrechen zu minimieren [6].
Quellen:
[1] Belcadi J, Oulad Ali S, Zeghari Z, Senouci K, Meziane M. Preconceived ideas in hair care. International Journal of Women’s Dermatology. 2025; 11(2): e194. doi:10.1097/JW9.0000000000000194.
[2] Trotter M. Hair Growth and Shaving. The Anatomical Record. 1928; 37(4): 373-9. doi:10.1002/ar.1090370405.
[3] Lynfield YL, Macwilliams P. Shaving and hair growth. The Journal of Investigative Dermatology. 1970; 55(3): 170-2. doi: 10.1111/1523-1747.ep12280667.
[4] Cuevas-Diaz Duran R, Martinez-Ledesma E, Garcia-Garcia M, Bajo Gauzin D, Sarro-Ramírez A, Gonzalez-Carrillo C, Rodríguez-Sardin D, Fuentes A, Cardenas-Lopez A. The Biology and Genomics of Human Hair Follicles: A Focus on Androgenetic Alopecia. International Journal of Molecular Sciences. 2024; 25(5): 2542. doi: 10.3390/ijms25052542.
[5] Oh JW, Kloepper J, Langan EA, Kim Y, Yeo J, Kim MJ, Hsi TC, Rose C, Yoon GS, Lee SJ, Seykora J, Kim JC, Sung YK, Kim M, Paus R, Plikus MV. A guide to studying human hair follicle cycling in vivo. The Journal of Investigative Dermatology. 2016; 136(1): 34-44. doi: 10.1038/jid.2015.354.
[6] Robbins CR. Chemical and Physical Behavior of Human Hair. 5th ed: Springer-Verlag Berlin Heidelberg; 2012.

